Philosophie oder: Das Leben ist schön...

Gerdas Erinnerung an ihren Kreta-Urlaub sind verblasst. Fotos vom blauen Meer und Häuser, die von der Sonne weiß leuchten, versuchen die unvergessliche Zeit wieder aufleben zu lassen.

 



Der Anblick des blauen Kleides mit den weißen, gelben und pinken Blumen auf dem an den Rändern gezackten Foto erwärmt ihr Herz, lässt sie auf einmal erinnern.


Doch trotz ihrer gedanklichen Bemühungen holt sie die Gegenwart immer wieder ein. Ein Blick in ihren, in die Jahre gekommen Kleiderschrank und ein kurzes Wühlen in ihren Kleidern, den Geschichten, den Gefühlen - und: da liegt es. Wie eine Handorgel aufgerafft ganz hinten im Fach der Sommerkleidung: ihr Kleid.


Der Stoff zeigt keine Makel. Die Farben noch immer leuchtend wie damals. Entschlossen versucht sie, ihre breiter gewordene Taille in das 30 Jahre alte, kurze, enge Baumwollkleid zu zwängen...


...ohne Erfolg. Enttäuscht wirft sie es auf den undefinierbaren Berg aus nicht mehr tragbarer Kleidung, schon gelesenen Büchern und allerlei Dingen die sich so angesammelt haben.  Stunden vergehen; das Blümchenkleid geht ihr nicht aus dem Kopf. Es ist klar, an Wegwerfen ist nicht zu denken.


Sie stopft das Kleid in ihre Handtasche und geht mit einem guten Gefühl auf die Straße und versucht sich den Weg zu der Prinz Linie in der Brunnenstraße ins Gedächtnis zu rufen.


Beim Betreten des gemütlich eingerichteten Kindermode-Ladens muss sie lächeln. Die bunten Stoffe in Regalen, auf dem Boden liegende Fäden im Nähbereich, die ein Muster auf dem Teppich abzeichnen, die viele farbenfrohe Kleidung überall im Raum und eine Geräuschkulisse aus Radiomusik, spielenden Kindern und Nähmaschinenrattern entspannen sie sofort.


Beschwingt geht sie zu der Frau hinter der Nähmaschine, die ihre Brille weit vorne auf der Nasenspitze trägt und beim Aufblicken freundlich lächelt. „Ich habe gehört, hier ist so eine Art Upcycling-Werkstatt...


...man kann nicht mehr tragbare Kleidung bringen und ein ganz neues Kinderkleidungsstück daraus von Ihnen nähen lassen?“ Die Frau antwortet mit ihrem charmanten Wiener Dialekt: „Ja, das ist mein Konzept, und richtig, ich sage gerne: aus „Alt mach Neu“. Kleidung, die einem viel bedeutet, muss ja nicht gleich weggeworfen werden.“ Gerda strahlt bei dem Gedanken, wie ihre kleine Enkelin Frieda ihr geliebtes Kreta-Kleid trägt.


Kurze Zeit später steht der Entwurf: Es soll ein knielanges Latzkleid daraus werden, mit gelben Trägern, die sich auf dem Rücken überkreuzen. Ein echtes Unikat mit Geschichte. Glücklich verlässt Gerda den Laden in der Brunnenstraße und kann den Tag, an dem das neue oder alte Kleidungsstück fertig ist, kaum erwarten.


Zu Hause angekommen ruft Gerda ihre alte Freundin Sabine an. Die hat doch noch so tolle Karohemden von Luis; wäre doch eine super Latzhose für ihren Ole... ;-)

 

Text: Emily Masch